
Bringt Osteopathie etwas bei Schmerzen im unteren Rücken? Nach Auswertung von 250 Studienergebnissen zu diesem Thema können Wissenschaftler kein klares Fazit ziehen.
Der IGeL-Monitor informiert Versicherte darüber, welchen Nutzen und Schaden sogenannte Selbstzahlerleistungen haben. Um das zu tun, scannt ein wissenschaftliches Team regelmäßig, ob es neue Erkenntnisse zu bestimmten Behandlungen gibt. Bei der Frage, ob eine osteopathische Behandlung bei akuten und chronischen Rückenschmerzen sinnvoll ist, bleibt die Fahne weiterhin auf Halbmast. Die Evidenz sei „unklar“.
Was ist Osteopathie überhaupt?
Anders als in Großbritannien oder Frankreich, ist die Ausbildung zum Osteopathen in Deutschland nicht gesetzlich geregelt. Ärzte können sich in diesem Bereich weiterbilden, aber auch Heilpraktiker oder Physiotherapeuten. Da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist, kann sich theoretisch aber jeder „Osteopath“ nennen. Deshalb ist es bei der Suche nach einer Praxis wichtig, darauf zu achten, dass eine ärztliche oder heilpraktische Ausbildung und eine zusätzliche Osteopathie-Ausbildung vorhanden sind.
Anders als der Masseur knetet der Osteopath einen nicht durch. Stattdessen arbeitet er mit dem Patienten zusammen, um dessen Rückenschmerzen zu lindern. Beispielsweise wird man gebeten, das Bein leicht anzuheben, während der Osteopath dagegenhält, um den Hüftbeuger-Muskel zu lockern. Oder er übt mit den Händen sanften Druck auf bestimmte Punkte entlang der Wirbelsäule aus, um die Faszien zu lockern. In jedem Fall schaut sich der Osteopath nicht nur den schmerzenden Rücken an, sondern sieht den Körper als zusammenhängendes System. Der Gedanke dahinter: eine Störung an einer Stelle kann sich woanders als Schmerz äußern. Dieser Erklärungsansatz ist gerade bei Rückenschmerzen einleuchtend, weil Fachärzte oft keine wirklichen Erklärungen für die Schmerzen finden können.
IGeL-Team berücksichtigt fünf wissenschaftliche Arbeiten
Bereits im Jahr 2018 konnten die Wissenschaftler und Ärzte des IGeL-Dienstes, der zum Medizinischen Dienst der Gesetzlichen Krankenkassen gehört, in der Literatur keinen eindeutigen Nutzen der Osteopathie bei Rückenschmerzen finden. Jetzt sichteten sie erneut 250 wissenschaftliche Publikationen. Fünf dieser Veröffentlichungen hielten sie für relevant und untersuchten sie genauer. Die wichtigste Studie dieser fünf Publikationen war eine Übersichtsarbeit des italienischen Forschers Fulvio Dal Farra aus dem Jahr 2021. Dal Farra kommt darin zwar zu dem Schluss, dass Osteopathie bei chronischen Rückenschmerzen helfen kann. Gleichzeitig merkt er aber an, dass die von ihm untersuchten Studien nicht sehr aussagekräftig sind, beispielsweise weil die Teilnehmerzahl klein war. Es seien größere Untersuchungen notwendig, um eindeutige Ergebnisse zu erhalten, schreibt Dal Farra in seinem Fazit.
Dieser Einschätzung folgten die Wissenschaftler und Ärzte des IGeL-Dienstes weitestgehend. Denn sie bewerten den Nutzen von Osteopathie bei Rückenschmerzen weder als „positiv“ (Nutzen überwiegt klar), noch als „negativ“ (Schaden überwiegt), sondern als „unklar“. Wenn eine Behandlung positiv bewertet wird, kann sie in den Katalog der Krankenkassen aufgenommen werden und muss nicht mehr selbst bezahlt werden.
Prof. Belami: Osteopathie nicht besser als Placebo-Behandlung
Für Prof. Dr. Daniel Belami von der Hochschule Bochum geht die IGeL-Einschätzung nicht weit genug. Es sei bereits belegt, dass die Osteopathie bei Rückenschmerzen nicht besser als eine Placebo-Behandlung abschneide, betont er. Es könne zwar sein, dass Osteopathie für Menschen interessant ist, die schlechte Erfahrungen mit der konventionellen Medizin gemacht haben. „Eine Notwendigkeit für Osteopathie besteht jedoch nicht“, sagt Belami.
Anders sieht es Dr. Lucia Gassen vom Austrian Institute for Health Technology Assessment (AIHTA), einer Einrichtung für die wissenschaftliche Bewertung von Gesundheitstechnologien und Behandlungsmethoden. „‚Unklar‘ ist nicht dasselbe wie ‚unwirksam‘“, sagt sie und fügt hinzu: „Das Fazit reflektiert eine Evidenzlücke, keine Negativaussage.“ Obwohl die Wirksamkeit von Osteopathie bei Rückenschmerzen in wissenschaftlichen Untersuchungen als gering bewertet wird, würden rund 100 gesetzliche Krankenkassen Zuschüsse zu dieser Behandlungsart geben. Das komme nicht von ungefähr. Möglicherweise würden Patienten einen Nutzen spüren, der sich in Studien nur schwer messen lässt.
Menschen mit Rückenschmerzen helfen diese Aussagen wenig. Lohnt es sich, die 80 bis 150 Euro für eine 30- bis 60-minütige osteopathische Behandlung auszugeben? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.
- In jedem Fall sollten, vor dem Gang zum Osteopathen, zwei Dinge beachtet werden:
- Suchen Sie eine Praxis auf, die vom Verband der Osteopathen Deutschland gelistet ist.
- Schauen Sie auf der Website Ihrer Krankenkasse nach, ob die Behandlung bezuschusst wird.
Quelle: Neuer Igel-Monitor: Nutzen von Osteopathie bei Kreuzschmerzen unklar
LH






































