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Fast 700 Patientinnen und Patienten bekamen im Jahr 2024 in der Raphaelsklinik in Münster eine neue Schulterprothese. Damit ist die Raphaelsklinik die größte Klinik in Deutschland, in der dieser Eingriff vorgenommen wird. Prof. Dr. Jörn Steinbeck ist dort Chefarzt der Schulter und Ellenbogenklinik. PD Dr. Malte Holschen arbeitet in derselben Abteilung als Oberarzt. Im Videointerview sprechen die beiden Mediziner darüber, wann sie ihren Patienten die Implantation einer Schulterprothese empfehlen, welche Prothesenart sie bevorzugen und wie es nach dem Aufenthalt im Klinikum weitergeht.
Schränkt die Arthrose in der Schulter den Patienten im Alltag nur wenig ein, würde Prof. Steinbeck zunächst immer konservative Maßnahmen wie Physiotherapie oder Manuelle Therapie empfehlen. Von der Spritzenbehandlung hält er wenig. „Kortison spritzen bedeutet, der Patient hat ein, zwei Wochen keine Schmerzen und dann geht es wieder von vorne los“, sagt er. Zudem schade Kortison der Sehnenstruktur, und es bestehe die Gefahr, dass Bakterien in den Körper gelangen.
Gerade bei Schulterarthrose könnten sich viele Patienten tagsüber mit den Schmerzen arrangieren. Die Entscheidung für die Implantation einer Prothese falle oft in der Nacht. Wenn die Schmerzen so groß werden, dass nachts keine ausreichende Ruhe mehr möglich sei, würde dies die Patienten zermürben, berichtet Steinbeck.
Inverse Prothese vs. Anatomische Prothese
Grundsätzlich gibt es zwei unterschiedliche Schulterprothesen-Arten, die heute implantiert werden. Bei der inversen Prothese werden Kugel und Pfanne vertauscht, erklärt Dr. Holschen. Dort, wo früher die Gelenkpfanne war, sitzt nun eine Kugel, und am Oberarmknochen wird eine Pfanne befestigt. Die anatomische Schulterprothese ersetzt das Gelenk so, wie es natürlich angelegt ist (Kugel bleibt Kugel, Pfanne bleibt Pfanne).
In den letzten Jahren hat die inverse Prothese aber einen einzigartigen Siegeszug in den OP-Saal hingelegt. Der Grund: Die inverse Schulterprothese kann auch bei einer defekten Rotatorenmanschette eingesetzt werden. Die Rotatorenmanschetten, sind die Sehnen, die die Schulter bewegen. Diese sind bei Schulterarthrose oft geschädigt. Außerdem bietet die inverse Schulterprothese eine höhere Stabilität, insbesondere wenn die Gelenkpfanne verschlissen ist, was bei Arthrose oft ebenfalls der Fall ist.
Hinzu kommt, dass die Beweglichkeit mit der inversen Schulterprothese in den letzten Jahren immer besser geworden ist. „Das einzige, was im Vergleich zur anatomischen Prothese etwas eingeschränkt sein kann, ist die Innendrehung“, sagt Dr. Holschen. „Das bedeutet, dass die Patienten mit dem Arm nicht so weit hinter den Rücken kommen.“ Die anatomische Prothese ermöglicht tendenziell eine bessere Beweglichkeit, was für bestimmte Sportarten relevant sein kann. Sie setzt aber eine intakte Rotatorenmanschette voraus und die Heilung dauert nach er OP etwas länger, weil eine Sehne bei der OP abgelöst wird und wieder angenäht werden muss.
Prof. Steinbeck: „Ich würde mir eine inverse Prothese einsetzen lassen“
Prof. Steinbeck hat eine klare Meinung dazu, welche der beiden Prothesen die geeignetere ist. „Ich bin knapp über 60 und würde mir auf jeden Fall eine inverse Prothese einsetzen lassen, wenn ich eine bekommen müsste“, sagt er. Weltweit würden inzwischen 90 Prozent inverse und nur noch zehn Prozent anatomische Prothesen implantiert. Ein zentrales Argument gegen die anatomische Prothese ist für Steinbeck die mögliche Lockerung der künstlichen Pfanne, die eine Revisionsoperation erforderlich machen kann. Denn bei anatomischen Prothesen besteht die neue Gelenkpfanne in der Regel aus Polyethylen (Kunststoff), das mit Zement im Knochen verankert wird. Die Verbindung zwischen Polyethylen, Zement und Knochen sei aber eine „schwierige Geschichte“, weil sie irgendwann zwingend zu einer Lockerung führe. Die mechanische Belastung sorgt über die Jahre dafür, dass sich diese Klebeverbindung zwischen dem harten Knochen und dem Kunststoff abnutzt oder löst.
Inversen Prothesen sind im Gegensatz dazu so konzipiert, dass sie gut einwachsen. Anstatt sich auf eine Zementschicht zu verlassen, die spröde werden kann, setzt man hier auf Oberflächen, die eine direkte biologische Verbindung mit dem Knochen eingehen. Außerdem wird bei der inversen Prothese der Drehpunkt des Gelenks weiter zur Körpermitte verlagert. Dadurch muss nicht mehr die (oft geschädigte) Rotatorenmanschette das Gelenk stabilisieren, sondern der große Deltamuskel übernimmt diese Aufgabe. „90 Prozent der inversen Prothesen sind auch nach 15 Jahren noch im Körper der Patienten“, erklärt Dr. Holschen. Prof. Steinbeck vermutet, dass Patienten, denen heute eine inverse Prothese eingesetzt wird, 25 bis 30 Jahre damit leben können, da sich diese Prothesenart in den letzten 15 Jahren stark weiterentwickelt hat.
Operation dauert zwischen 45 und 90 Minuten
„Eine primäre Operation dauert in der Regel weniger als eine Stunde“, sagt Prof. Steinbeck. Komplizierter und zeitaufwendiger können Eingriffe sein, wenn bereits Voroperationen an der Schulter durchgeführt wurden oder wenn eine Prothese gewechselt werden muss. Oft würden Patienten unmittelbar nach der OP eine Verbesserung spüren, sagt er, weil die schmerzhafte Arthrose entfernt wurde. Um die Schmerzen in den Tagen nach der Operation so gering wie möglich zu halten, wird ein Schmerzkatheter eingesetzt. Dabei handelt es sich um einen hauchdünnen, flexiblen Plastikschlauch, der in der Nähe des Halses platziert wird, um die Nervenstränge zu betäuben, die die Schulter versorgen. Wird der Schmerzkatheter gezogen, stellen die Narkoseärzte die Schmerzmedikation so ein, „dass der Patient mit den Schmerzen zurechtkommt und nach Hause gehen kann“, sagt Prof. Steinbeck. In der Regel würden Patienten drei Tage bei ihnen in der Klinik bleiben.
Nach dem Klinikaufenthalt sei eine Reha-Maßnahme „in irgendeiner Form“ sinnvoll, sagt Dr. Holschen. Eine stationäre Reha sei aber nicht zwangsläufig erforderlich. „Es ist davon abhängig, was die Patienten wünschen“, erklärt der Mediziner. Manche Patienten würden beispielsweise lieber zu Hause üben, weil sie sich um ihre Ehepartnerin kümmern. Das sei genauso in Ordnung wie eine stationäre Reha, die sich für manche berufstätige Patienten anbiete, weil sie dort abklären können, wie und ob ein Einstieg in den alten Beruf nach der Genesung wieder möglich ist.






























