Prof. Dr. Daniela Berg auf der Kölner Veranstaltung "Demenzprävention im Dialog"; Foto: Oliver Wachenfeld

Wir können selbst sehr viel gegen die Demenzerkrankung tun, sagte Prof. Dr. Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), auf einer Veranstaltung in Köln. 

Das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit hatte in das Kölner Hotel Hilton geladen, um über Demenzprävention zu sprechen. Zu den Rednerinnen zählte auch Daniela Berg aus Kiel, die über den Zusammenhang zwischen Eigeninitiative und Demenzerkrankungen referierte.

Je älter man wird, desto höher ist das Risiko, an Demenz zu erkranken. Gegen das Älterwerden kann man nichts tun. Auch der eigene Handlungsspielraum zur Beeinflussung bestimmter Umweltfaktoren ist begrenzt. Pestizide und die Luftverschmutzung sind jedoch nachweislich schädlich für das Gehirn, sagte Berg. „Es gibt keine gesunden Menschen in einer kranken Welt“, betonte sie.

Trotzdem gibt es einige Möglichkeiten, um das persönliche Demenzrisiko zu reduzieren.

Körperliche Bewegung stärkt Blut-Hirn-Schranke

Da wäre zum Beispiel die körperliche Bewegung. Sie führt dazu, dass im Gehirn neue Nervenzellen nachwachsen können. Während man früher dachte, dass sich das Gehirn nicht regenerieren kann, weiß man heute: Es ist trainierbar. Außerdem wird das Gehirn durch Bewegung besser durchblutet, also mit mehr Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. Die bessere Durchblutung führt dazu, dass die sogenannte Blut-Hirn-Schranke gestärkt wird. „Das ist wie eine Mauer zwischen Blut und Gehirn, damit nicht der ganze Müll aus dem Blut ins Gehirn gelangt“, erklärte Berg.

Auch die Ernährung wirkt sich in vielerlei Hinsicht auf die Gehirngesundheit aus. „Wir hören immer von der mediterranen Diät“, sagte Berg. „In Kiel haben wir die nordische Diät“. Sie basiere auf Beeren, Kohl und anderen Lebensmitteln, die – genau wie die mediterrane Diät – viele wichtige Vitamine und Polyphenole (Pflanzenstoffe) enthalten. „Wenn wir uns richtig ernähren“, sagte Berg, „dann passiert genau das, was wir vom Sport kennen: Die Entzündung im Gehirn nimmt ab, es kommt zu weniger schädlichen Ablagerungen in den Gehirnzellen und es bilden sich neue neue Nervenzellen.

Die Kieler Wissenschaftlerin erklärte auch, welche präventive Wirkung der Schlaf hat. Das Gehirn besitze eine Art „Waschstraße, die vor allem nachts arbeitet. Denn wenn wir schlafen, sinkt der Spiegel bestimmter Botenstoffe wie Norepinephrin (einem Stresshormon), die den „Waschgang“ tagsüber blockieren. In unseren Tiefschlafphasen, wird unser Gehirn dann aber regelrecht durchgespült, sodass schädliche Stoffwechselprodukte, die mit Krankheiten wie Alzheimer in Verbindung gebracht werden, aus dem Gehirn geschwemmt werden. Berg empfiehlt im Schnitt sechs bis sieben Stunden Schlaf pro Nacht. „Seien Sie nicht frustriert, wenn Sie nachts aufwachen“, sagte sie. „Das ist normal ab einem gewissen Alter. Wichtig ist, dass Sie wieder einschlafen.“

Jeder Zweite unter 40 isst zu wenig Obst und Gemüse

Eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und ausreichend Schlaf – jeder weiß, dass dies einen positiven Einfluss auf die Gesundheit hat. Dennoch fällt es uns trotzdem schwer, diese Dinge umzusetzen. Laut einer Studie der TK ist 92 Prozent der Bevölkerung eine gesunde Ernährung wichtig, sagte Berg. Aber nur jeder zweite Unter-40-Jährige esse mindestens einmal am Tag Obst oder Gemüse. „Das ist heftig. Das kann man sich eigentlich gar nicht vorstellen“, betonte die Forscherin. „Aber es war eine bevölkerungsrepräsentative Untersuchung.“

Ähnlich sind die Ergebnisse zum Thema „Bewegung“. Die meisten Menschen wüssten, dass Bewegung sinnvoll ist. Trotzdem schaffen es laut einer Untersuchung der AOK 51 Prozent der Menschen nicht, sich 21 Minuten pro Tag moderat zu bewegen. „21 Minuten moderate Bewegung, das ist echt nicht viel“, sagte Berg. „Wenn Sie drei bis fünf Mal am Tag die Treppen statt des Aufzugs benutzen, haben Sie das Pensum schon fast erfüllt.“

Der Mensch ist von Natur aus faul

Warum tun wir uns und unserem Gehirn trotz guter Vorsätze dennoch zu selten etwas Gutes? Frau Berg erklärt dies mit angelernten Verhaltensmustern, die teilweise noch aus der Steinzeit stammen. Evolutionsgeschichtlich gesehen war Bewegung für den Menschen überlebensnotwendig, um beispielsweise vor Raubtieren zu flüchten. „Unsere Vorfahren sind nicht joggen gegangen, um Energie zu haben, falls der Tiger kommt“, sagte sie. Zuständig für dieses Verhalten ist ein Teil im Gehirn, der „Insula“ genannt wird. Er ist eine Art Energie-Wächter, der für jede körperliche Betätigung eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellt und immer das Sofa und nicht das Fitnessstudio empfiehlt.

Demgegenüber ist ein anderer Teil im Gehirn, der präfrontale Kortex, für die Planung und Vernunft zuständig. Aus diesem Gehirnteil kommt die Information, dass uns Bewegung guttut, weil wir in friedlichen Zeiten leben und keine Energieressourcen für eine Flucht vor dem Tiger benötigen. Im Alltag gehe es darum, den tief sitzenden Instinkt, faul zu sein und Energie zu sparen, zu überwinden. Denn, das sei die gute Nachricht: das Gehirn könne wie ein Muskel trainiert werden, um neue Gewohnheiten zu festigen. „Es gibt die 6699-Regel, die kennen wir aus der Wirtschaft“, sagte Berg. „Es braucht 66 Tage, um eine neue Gewohnheit zu etablieren und 99 Tage für einen neuen Lebensstil.“

Grundsätzlich ist es also möglich, sich daran zu gewöhnen, abends nach der Arbeit noch eine Runde spazieren zu gehen, statt es sich auf dem Sofa gemütlich zu machen, und später beim Entspannen nach unbehandelten Cashewkernen statt nach einer Chipstüte zu greifen. „Seien Sie nicht frustriert, wenn es mit der Umstellung beim ersten Mal nicht klappt“, sprach Berg den Zuhörerinnen und Zuhörern Mut zu. „Dann funktioniert es eben beim zweiten, dritten oder fünften Mal!“

Quelle:
8. Bundeskonferenz – Gesund und aktiv älter werden: Demenzprävention im Dialog; 22.04.2026, Köln.

Text: Lukas Hoffmann