
Bei den sogenannten Blue Zones (Blaue Zonen) handelt es sich um Orte auf der Welt, deren Einwohner deutlich länger leben als in den übrigen Regionen. Doch was macht die Blue Zones so besonders? Was sagen Wissenschaftler dazu?
Ein Beitrag von Lukas Hoffmann
Erstmals wurde der Begriff “Blue Zones” (Blaue Zonen) von dem belgischen Demografen Michel Poulain und dem sardischen Arzt Gianni Pes in der Fachzeitschrift Experimental Gerontology im Jahr 2004 eingeführt. Der US-amerikanische Autor Dan Buettner machte ihn ein Jahr später unter dem Titel “The Secrets of Long Life” (dt.: Die Geheimnisse eines langen Lebens) im Magazin National Geographic bekannt. Zu den Blue Zones zählen fünf Regionen, in denen die Menschen besonders alt werden: Okinawa (Japan), Sardinien (Italien), die Nicoya-Halbinsel (Costa Rica), Ikaria (Griechenland) und Loma Linda (Kalifornien/USA).
Aber sind die Daten überhaupt zuverlässig?
Ob es sich bei den Blue Zones wirklich um Orte eines besseren Leben handelt, oder es dort nicht einfach an der Übermittlung der Sterbeurkunden harkt, fragte sich im Jahr 2019 der australische Forscher Saul Newman (Oxford Institute for Population Ageing, heute UCL). Seine Kernthese: Die auffällige Häufung von Hundertjährigen in diesen Regionen erklärt sich nicht durch besondere Lebensweise, sondern durch mangelhafte Geburts- und Sterberegister. Für Sardinien, Okinawa und Ikaria stellt Newman fest, dass diese Regionen im nationalen Vergleich durch niedrigere Einkommen, höhere Armutsraten und – paradoxerweise – kürzere durchschnittliche Lebenserwartung auffallen. Zudem ist die Altersverteilung statistisch anomal: In Sardinien gab es weniger 90- als 100-Jährige, was demografisch kaum möglich ist. Newman schlussfolgerte, dass es sich bei den Blue Zones weniger um Zentren der Langlebigkeit als um Zentren schlecht dokumentierter Altersangaben und möglichen Rentenbetrugs handelt.
Newman aktualisierte seine Kritik mehrere Male und erhielt 2024 den Ig-Nobelpreis für Demografie, eine satirische Auszeichnung für Forschung, die „zunächst zum Lachen, dann zum Nachdenken anregt“. Etablierte Blue-Zone-Forscher wie Austad und Pes entgegneten Newmans Kritik und verwiesen auf ihre eigenen Altersvalidierungsverfahren, die auf Kirchenregistern, Zivilstandsdatenbanken und genealogischen Rekonstruktionen beruhen. Die wissenschaftliche Debatte ist noch nicht abgeschlossen.
Power 9
Auch wenn die Daten aus den Blue Zones nicht eindeutig sind, gelten die Grundsätze eines gesunden und langlebigen Lebens, die die Blue-Zone-Forscher unter dem Begriff „Power 9” zusammenfassten, als unbestritten. Die Zahl 9 ergibt sich daraus, dass Dan Buettner und andere Demografen feststellten, dass sich die Lebensweise der Bewohner der Blue Zones in neun Punkten ähnelt.
1. Natürliche Bewegung
Die Menschen, die in den fünf Blue-Zone-Regionen leben, rennen keine Marathons, machen kein Muskeltraining in Fitnessstudios und nehmen keine Vitaminpräparate zu sich. Stattdessen leben sie in Umgebungen, die sie ständig dazu bringen, sich zu bewegen, ohne Sport- oder Bewegungsstunden in ihren Alltag einzuplanen. Sie beschäftigen sich mit Gartenarbeit und verzichten auf mechanische Hilfsmittel, egal ob für den Garten oder Zuhause.
2. Lebenssinn
Die Okinawaner nennen es Ikigai und die Nicoyaner nennen es Plan de Vida. Beides bedeutet so viel wie „Warum ich wache ich morgens auf?“. Die selbstständige Beantwortung nach dem Sinn und Zweck der eigenen Existenz verlängert Ihre Lebenserwartung um bis zu sieben weitere Jahre.
3. Abschalten
Auch Menschen in den Blue Zones erleben Stress. Stress führt zu chronischen Entzündungen, die wiederum zu größeren altersbedingten Krankheit führen können. Was die Menschen der Blue Zones gemeinsam haben und was den anderen oft fehlt, sind Routinen oder Gewohnheiten, die diesen Stress abbauen. Okinawaner nehmen sich jeden Tag ein paar Augenblicke, um sich an ihre Vorfahren zu erinnern, in Loma Linda betet man, die Ikarier machen ein Nickerchen, und auf Sardinien gönnt man sich eine Happy Hour.
4. Die 80-Prozent-Regel
Das 2500 Jahre alte Original heißt Hara hachi bu – eine konfuzianische Weisheit aus Okinawa. Es wird vor jeder einzelnen Mahlzeit ausgesprochen. So erinnert man sich selbst daran, mit dem Essen aufzuhören, wenn der Magen zu 80 Prozent gefüllt ist. Die Differenz von 20 Prozent zwischen gestillten Hungergefühl und Sättigungsgefühl machen den Unterschied zwischen Gewichtsabnahme oder Gewichtszunahme aus. Die Menschen in den Blue Zones nehmen oft nur eine kleine Mahlzeit am späten Nachmittag oder frühen Abend zu sich und essen für den Rest des Tages gar nichts mehr.
5. Pflanzliche Ernährung
Gemüse und Bohnen, einschließlich Soja und Linsen, sind die Eckpfeiler der meisten Blue-Zone-Diäten. Fleisch – meist Schweinefleisch – setzt nur Akzente auf dem Menü und wird im Durchschnitt nur fünf Mal pro Monat gegessen. Die Portionsgrößen auf dem Teller sind nur 85 bis 115 Gramm groß.
6. Wein am Nachmittag
Fast alle Menschen in den Blue Zones (außer in Loma Linda) trinken regelmäßig Alkohol. In Sardinien wird der lokale Cannonau-Wein zum Essen ausgeschenkt. In Okinawa genehmigt man sich den Reisschnaps Awamori und in Ikaria wird – gerne in geselliger Runde – mit einem lokalen Rotwein angestoßen. Die ursprüngliche Vermutung der Blue-Zone-Forscher, dass maßvolle Genießer länger leben als Nichttrinker, wird heute jedoch infrage gestellt. So erklärte die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 2023, dass es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge an Alkohol gibt. Und eine Meta-Analyse von 107 Kohortenstudien zeigte, dass geringer Alkoholkonsum das Sterberisiko nicht senkt.
7. Zugehörigkeit
Alle bis auf fünf der 263 befragten Hundertjährigen gehörten einer Glaubensgemeinschaft an. Dabei scheint die Konfession selbst keine Rolle zu spielen. Untersuchungen zeigen, dass eine wöchentliche Teilnahme an religiösen Gottesdiensten die Lebenserwartung um vier bis 14 Jahre verlängert.
8. Familie und Freunde zuerst
Menschen aus den Blue Zones, die den hundertsten Geburtstag erlebt haben, geben an, dass ihre Familien und Lieben an erster Stelle stehen. Das bedeutet, dass die Eltern und Großeltern in der Nähe oder teilweise im selben Haus wohnten. Auch die Festlegung auf einen Lebenspartner bzw. eine Lebenspartnerin kann die Lebenserwartung um bis zu drei Jahre verlängern.
9. Soziales Umfeld
Die über 100-Jährigen aus den Blue Zones wählten für ihr Leben soziale Kreise aus oder wurden in sie hineingeboren, die gesunde Verhaltensweisen unterstützen. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass Rauchen, Fettleibigkeit, Glück und sogar Einsamkeit ansteckend sind. Die sozialen Netzwerke langlebiger Menschen haben also ihren Lebensstil wesentlich beeinflusst.
Aber wird der eigene Einfluss auf die Lebenserwartung nicht überbewertet, schließlich spielen auch die Gene eine Rolle? Die dänische Forscherin Anne Maria Herskind würde diese Frage mit einem klaren „Nein“ beantworten. Im Rahmen einer Langzeitstudie untersuchte sie gemeinsam mit Kollegen fast 3.000 Zwillingspaare, die zwischen 1870 und 1900 geboren wurden. Ziel war es herauszufinden, wie stark Gene und Lebensstil die Lebenserwartung beeinflussen. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Jahr 2006, waren eindeutig: Gene erklären nur etwa 20 Prozent der Unterschiede in der Lebenserwartung. Der individuelle Lebensstil hingegen trägt zu 80 Prozent dazu bei.
Erstpublikation: 16.08.2022; letzte Aktualisierung: 27.03.2026
































