Sollte ich mir wegen meiner Schulterschmerzen eine Prothese einsetzen lassen, oder besser doch noch mit dem Eingriff warten? Auf diese Frage antworten Ärztinnen und Ärzte auf dem 31. Jahreskongress für Schulter- und Ellenbogenchirurgie, der am 7. und 8. Mai 2026 in Karlsruhe stattfand.
Ein schwer arthrotisches Schultergelenk kann die Lebensqualität erheblich einschränken. Doch wann ist der richtige Zeitpunkt für die Implantation einer Schulterprothese gekommen?
Die Entscheidung dürfe nicht nur auf dem Röntgenbild basieren, sagt PD Dr. Natascha Kraus-Spieckermann, Leiterin der Klinik für Schulter- und Ellenbogenchirurgie an der Universitätsmedizin Greifswald. „Natürlich haben die Menschen, die zu mir kommen, häufig groteske Veränderungen im Röntgenbild, wo jeder die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und denkt, das muss auf jeden Fall mit einer Prothese versorgt werden“, sagt sie. Aber zwischen dem was auf dem Bild zu sehen ist, und dem, was ein Mensch tatsächlich spürt, klaffe manchmal eine erhebliche Lücke. Entscheidend für die Implantation einer Prothese sind laut Kraus-Spieckermann andere Faktoren: starke Einschränkungen im Alltag, die Notwendigkeit, regelmäßig Schmerzmittel zu nehmen, und das Scheitern konservativer Maßnahmen wie Krankengymnastik oder Injektionen ins Gelenk.
Prof. Dr. Dennis Liem: Der Patient weiß selbst am besten, wann der Zeitpunkt gekommen ist
Prof. Dr. Dennis Liem vom Sporthopaedicum Berlin sieht vor der Prothesenimplantation oft eine konservative Behandlungsphase von drei bis sechs Monaten, „wobei viele Patienten zu diesem Zeitpunkt schon deutlich länger unter Beschwerden leiden“, sagt er. Der Entschluss zur Operation sei immer das Ergebnis eines gemeinsamen Prozesses, in dem Ärzte und Patienten Behandlungsoptionen abwägen. Der Patient wisse selbst am besten, wann der Zeitpunkt für die Implantation der Schulterprothese gekommen sei, betont Liem.
„Schmerz ist der Hauptfaktor, warum wir überhaupt operieren“, sagt Prof. Dr. Tomas Smith, Chefarzt der Abteilung für Schulter- Knie- und Sportorthpädie am Diakovere Annastift in Hannover. Smith unterscheidet dabei nicht nur die Intensität des Schmerzes, sondern auch seinen Charakter. Wie schläft der Patient? Wacht er nachts auf? Ist es ein Dauerschmerz oder ein Belastungsschmerz? Und wie hoch ist der Leidensdruck insgesamt? Erst wenn konservative Behandlungen keinen ausreichenden Erfolg bringen, rät Smith zur Operation.
Kraus-Spieckermann, Liem und Smith sind sich einig: Es gibt keinen definierten Zeitpunkt, ab dem eine Schulterprothese notwendig wird. Stattdessen sind es individuelle Faktoren, die den Ausschlag geben.
Drei Fragen für Schulterpatienten
Wer unter Schulterarthrose leidet und sich fragt, ob eine Prothese für ihn oder sie infrage kommt, kann folgende Fragen für sich beantworten:
Schränkt der Schmerz meinen Alltag spürbar ein, zum Beispiel weil ich auch nachts nicht mehr schlafen kann?
Haben Krankengymnastik und andere konservative Behandlungen zu keiner Verbesserung meines Leidensdrucks geführt?
Verliere ich zunehmend meine Lebenslust, weil der Alltag aufgrund der Schmerzen zu beschwerlich geworden ist?
Wer diese drei Fragen mit „Ja“ beantwortet, sollte sich ernsthaft mit der Option einer Schulterprothese auseinandersetzen.
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