
Schon sein Vater, ein bekannter Dirigent, ist nach Konzerten zusammengebrochen. Nachdem er bei Angela Merkel seinen Rücktritt als Bundesverteidigungsminister erklärt hat, erwischt es Karl-Theodor zu Guttenberg selbst. Wie es ihm heute geht, erzählte er auf dem Deutschen Patientenkongress Depression, der am 30. Mai in Frankfurt stattfand.
Karl-Theodor zu Guttenberg galt als politischer Überflieger. Mit 37 Jahren wurde er 2009 zum jüngsten Bundeswirtschaftsminister, den Deutschland je hatte. Zwei Jahre später dann zum jüngsten Verteidigungsminister. Bilder, wie Mr. Cool zu Guttenberg mit Sonnenbrille und khaki-farbenem Dress den Bundeswehrstützpunkt im afghanischen Kunduz besucht, gingen um die Welt. Er galt als politische Maschine, als möglicher Kanzlerkandidat. Und dann der Absturz. Die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit brachte ihn dazu, alle politischen Ämter niederzulegen. Was damals kaum jemand ahnt: Hinter dem Rücktritt steckt auch eine Depression.
15 Jahre später steht er auf der Bühne der Alten Oper in Frankfurt und sagt: „Es geht mir besser denn je“. Dann berichtet er von seinen dunklen Tagen nach dem Rücktritt und der Zeit davor. „Ich hatte morgens keine Freude mehr beim Aufstehen“, sagt er zu Harald Schmidt, der in Frankfurt als Moderator durch den Kongresstag führte. Seine Frau und seine Familie hätten ihn bereits während seiner politischen Amtszeit dazu gedrängt, sich Hilfe zu holen. Tatsächlich besucht er einen Psychotherapeuten. Aber Guttenbergs Redegewandtheit führt dazu, dass er den Therapeuten von seiner eigenen mentalen Gesundheit überzeugt, wie er im NDR-Podcast „Raus aus der Depression“ berichtet. „Am Ende hatte ich das Gefühl, dass ich die Therapeuten therapiert habe, aber nicht mich selber und war von der vollkommenen Nutzlosigkeit dieses Unterfangens überzeugt“, sagt er.
Stressiges politisches Tagesgeschäft dient als Ablenkung
Wie konnte er seinen Job als Minister trotzdem weiter nachgehen? Der schnelle Rhythmus des politischen Tagesgeschäfts war seine ständige Ablenkung. „Und über die Ablenkung hat letztlich keine Beschäftigung mit sich selbst stattgefunden“.
Einige Wochen nach seinem Rücktritt wird ihm eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Aber auch diese Diagnose will er nicht annehmen. Als Bundesverteidigungsminister hatte er mit Soldaten zu tun, die in ihren Einsätzen „das Schlimmste des Schlimmen“ erleben mussten. Wird ihnen eine solche Diagnose bescheinigt, hielt der ehemalige Minister dies damals für nachvollziehbar. Aber doch nicht bei ihm selbst, wo er als Politiker vor allem Sitzungsräume sieht.
Guttenberg verdrängt die Diagnose, doch eine zunehmende Anzahl von Panikattacken zwingt ihn dazu, sich weiter mit der Erkrankung zu beschäftigen. „Ich hatte mein ganzes Leben lang nie das Gefühlt gehabt, dass ich irgendwelche Kommunikationsschwächen hätte oder mit Menschen nicht umgehen wollte oder könnte. Und plötzlich hatte ich Angst vor Menschen“, erzählt er im Podcast.
Im Sommer 2011, fünf Monate nach seinem Rücktritt, zieht er mit seiner Frau und den beiden Töchtern in die USA, genauer gesagt nach Connecticut, in die Nähe von New York. Von seiner seelischen Erkrankung ahnt die Öffentlichkeit noch immer nichts. Ein Reporter der Welt berichtet, dass zu Guttenberg beim Auszug aus seiner Villa im Berliner Stadtteil Charlottenburg bester Laune gewesen sei, „auf dem Kopf eine Basketballkappe der New York Yankees.“
Umdenken in den Vereinigten Staaten
Es war der offene Umgang mit psychischen Erkrankungen in den USA, der zu Guttenberg dazu verhalf, sich einer Therapie zu öffnen. „Was mich damals beeindruckt hat, ist, dass man beispielsweise bei einem Abendessen, wo man zwei Drittel der Menschen gar nicht kennt, mit großer Offenheit über sein Seelenleben spricht“, erzählt er in Frankfurt.
Jetzt kann er die Diagnose „Depression“ annehmen und mit einem Shrink (englisch für Psychiater bzw. Psychotherapeut) über die dahinterliegenden Wirkmechanismen sprechen. Der Auslöser für die Erkrankung war nicht sein Rücktritt als Bundesverteidigungsminister, dies sei eher ein zusätzlicher Trigger gewesen. Es gab ein Bündel von Ursachen, unter anderem auch eine genetische Veranlagung. Zu Guttenbergs Vater war der Dirigent Enoch zu Guttenberg. Er sei nach Konzertauftritten regelmäßig zusammengebrochen, auch in der Alten Oper in Frankfurt. „Aber er wollte sich keiner medikamentösen Behandlung unterziehen, weil er Angst hatte, dass seine kreative Ader dadurch geschlossen wird“, erzählt zu Guttenberg. Eine mögliche bipolare Störung wurde nie diagnostiziert.
Die Erkrankung des Vaters führte nicht unbedingt zu einem unbeschwerten Aufwachsen von zu Guttenberg, der seit der frühen Kindheit zusammen mit dem jüngeren Bruder bei dem Vater im oberfränkischen Guttenberg lebte. Die Eltern hatten sich bereits im Jahr 1977 scheiden lassen, da war zu Guttenberg etwa fünf Jahre alt. Bereits in der Kindheit und Jugend habe er sich für den Vater verantwortlich gefühlt, berichtet zu Guttenberg. Als Minister kam der Druck des politischen Geschäfts hinzu. „Es ist ein Bogen, der sich herausgebildet hat“, sagt der ehemalige Minister im NDR-Podcast, „und der dann kulminiert ist in einem Moment der Totalüberlastung.“
Etwa ein Jahr brauchte zu Guttenberg, um die Erkrankung zu überwinden. In dieser Zeit, in den Jahren 2011/2012, hat er eine ambulante Therapie gemacht und auch Psychopharmaka eingenommen. Heute steht er der New Yorker Beraterfirma „Spitzberg Partners“ vor, schreibt Bücher und betreibt zusammen mit Gregor Gysi den wöchentlich erscheinenden Podcast „Gysi gegen Guttenberg – Der Deutschland Podcast.“
Im NDR-Podcast sagt er auf die Frage von Harald Schmidt, welche Techniken er anwendet, wenn am Horizont wieder so ein „kleiner Schatten” aufzieht, er habe keine Symptome, die eine erneute depressive Episode ankündigen. Aber er wisse, dass es immer mal wieder „hereindonnern“ könne. Deshalb hat er sich neue Denk- und Verhaltensmuster angeeignet.
Nicht zwanghaft jeden Gedanken nach außen richten
Er konzentriert sich auf die eigene Mitte. Richtet nicht zwanghaft „jeden Gedanken“ nach außen.
Er meditiert, „weil es einfach zu einer großen inneren Ruhe beiträgt“.
Er schöpft Kraft aus der Gegenwart, statt sich fortwährend mit der „unveränderbaren Vergangenheit und den Illusionen der Zukunft“ zu beschäftigen. In diesem Zusammenhang ist es nicht überraschend, dass zu Guttenberg in Frankfurt das Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ des spirituellen Autors Eckhart Tolle empfiehlt.
Text: Lukas Hoffmann
































