Dr. Christine Reif-Leonhard bei ihrem Vortrag in der Alten Oper in Frankfurt. Foto: Holger Peters

Auf dem Deutschen Patientenkongress Depression sprach Dr. Christine Reif-Leonhard, Oberärztin am Universitätsklinikum Frankfurt, über Therapieoptionen bei einer chronischen Depression. 

„Was kann ich tun, wenn ich schon mehrere Behandlungsversuche hatte, aber es noch nicht wirklich gut geworden ist?“, fragte Dr. Christine Reif-Leonhard zu Beginn ihres Vortrags. Zum einen wäre es möglich, die Dosierung des Medikaments zu verändern. Auch eine Komorbidität sollte in Betracht gezogen werden. „Heute habe ich schon mit jemandem gesprochen, der unter ADHS litt, das lange nicht erkannt wurde“, sagte sie. Eine ADHS-Erkrankung oder eine bipolare Störung erfordere eine andere Therapie.

Depression kann auch die Folge eines Traumas sein. „Wir wissen, dass Traumata das Risiko an einer Depression zu erkranken, um den Faktor 2 erhöhen“, sagte die Ärztin. Hier müsste entsprechend die Diagnose gestellt werden, die das Trauma in den Mittelpunkt rückt. „Trauma kann man gut behandeln“, sagte Reif-Leonhard.

Und wenn auch das dritte Medikament nicht hilft? Medikamente abzusetzen, neudeutsch Drug Holiday, sei laut Leitlinie eine Option, werde von ihren ärztlichen Kolleginnen und Kollegen aber viel zu selten gemacht, „weil wir uns nicht trauen“, sagte Reif-Leonhard. Dabei stehe auch in der Leitlinie, dass es gar nicht so viel bringt, wenn das Medikament gewechselt wird. Bei Medikament fünf sei kein Durchbruch zu erwarten. „Besser ist es, wenn man kombiniert.“

Einzelne Wirkstoffe können Antidepressiva verstärken

Manche ursprünglich für Psychosen entwickelten Wirkstoffe, wie Quetiapin oder Aripiprazol, würden zusätzlich zum Antidepressivum eingesetzt, um dessen Wirkung zu verstärken. Dieser Vorgang wird Augmentation genannt. „Die Kombination aus Antidepressivum und Augmentation kann sinnvoll sein”, sagte Reif-Leonhard. Allerdings sind nicht alle Kombinationen wissenschaftlich belegt und nur wenige haben einen echten Wirkungsnachweis. In der Leitlinie „Unipolare Depression“ steht, welche Kombinationen geeignet sind.

Auch über Ketamin bzw. S-Ketamin sprach die Ärztin. Es ist als Nasenspray zur Behandlung von Depression zugelassen, und muss in der Klinik eingenommen werden. Auch wenn Ketamin als Partydroge bekannt ist, sei es ein wissenschaftlich fundiertes Medikament, das an Tausenden von Depressionspatienten getestet worden wäre. „Wenn man es ausreichend lange nimmt, kann es auch Menschen mit schwer ausgeprägten Depressionen helfen, die auf andere Therapien bislang nicht angesprochen haben“, sagte Reif-Leonhard. Etwa 70 Prozent der Patienten würden von dem Nasenspray profitieren, „aber eben auch nicht 100 Prozent“.

Über die Bedeutung von Psychotherapie sprach Reif-Leonhard ebenfalls und hob hier insbesondere ein auf langwierige Verläufe zugeschnittenes Verfahren hervor: CBASP (Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapie). „Das ist das einzige zugelassene und wirklich in der Wirksamkeit gut bewiesene Psychotherapieverfahren für die chronische Depression“, sagte sie.

Während klassische Therapien oft auf die Veränderung von Denkmustern bei den Patienten abzielen, geht CBASP davon aus, dass bei chronisch depressiven Menschen das soziale Lernsystem gestört ist. Ursache sind hier oft traumatische Beziehungserfahrungen, wie zum Beispiel ein Missbrauch in der Kindheit, die zu Beziehungsängsten führen. „Wir wenden CBASP in Frankfurt an der Tagesklinik an“, sagte die Ärztin. Da es sich bei CBASP um eine hochspezialisierte Methode handelt, wird sie vor allem von auf Verhaltenstherapie spezialisierten Fachzentren oder Universitätskliniken angeboten.

Neben der Psychotherapie und der Pharmakotherapie gäbe es eine dritte Säule bei der Therapie von Depressionen, die Neurostimulation, berichtete Reif-Leonhard. Dabei werden bestimmte Bereiche im Gehirn gezielt mit elektrischen oder magnetischen Impulsen stimuliert, um die gestörte Hirnaktivität wieder ins Gleichgewicht zu bringen und so die Stimmung zu verbessern.

Meine Patienten haben Angst vor der Elektrokonvulsionstherapie

„Als Erstes möchte ich über ein Verfahren sprechen, vor dem meine Patienten am meisten Angst haben“, sagte die Ärztin, „die Elektrokonvulsionstherapie (EKT).“ Bei der EKT wird dem Patienten unter kurzer Voll- oder Teilnarkose ein kontrollierter elektrischer Impuls durch das Gehirn geleitet, der einen kurzen Krampfanfall auslöst und dadurch die Gehirnchemie positiv beeinflusst. Und nein, sagte Reif-Leonhard, EKT sei kein Strafmittel wie es in dem Film „Einer Flog übers Kuckusnest“ dargestellt wird. EKT wird heute unter Narkose und somit schmerzfrei durchgeführt. „Leider ist das Verfahren in Deutschland noch sehr in Verruf“, bedauerte die Ärztin. In Skandinavien wäre es schon viel anerkannter. „Es ist das einzige Verfahren, bei dem wir wissen, wer gut darauf anspricht“, sagte sie. Bei Menschen mit schwerer Depression und Wahnvorstellungen sei die Elektrokonvulsionstherapie das Mittel der Wahl.

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Ein anderes Verfahren, das angeboten werden sollte, wenn Medikamente nicht wirken, sei die transkranielle Magnetstimulation (TMS), betonte Reif-Leonhard. Bei der TMS werden von außen, durch die Schädeldecke hindurch, mit einem Magneten schmerzfreie elektromagnetische Impulse ins Gehirn gesendet, die gezielt Nervenzellen aktivieren. Die Patienten erhalten keine Narkose, das Verfahren gilt als gut verträglich. „Es ist eine Serienbehandlung, die 20 Mal durchgeführt wird“, sagte die Ärztin. „Sie dauert nur drei Minuten.“ Leider kann sie derzeit noch nicht ambulant erfolgen, sondern nur, wenn der Betroffene als Patient im Krankenhaus aufgenommen wurde.

Text: Lukas Hoffmann