
Bei vielen Patienten ist nur ein Gelenkanteil von Arthrose betroffen, während die anderen Teile noch gesund sind, sagte Prof. Dr. Christian Merle vom Diakonie Klinikum Stuttgart auf einer Presseveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Endoprothetik (AE). In diesem Fall empfiehlt er einen Gelenkteilersatz.
Text von Lukas Hoffmann
„Das Knie hat drei Gelenkkompartimente“, sagte Prof. Merle auf einer Pressekonferenz im Vorfeld des 28. AE-Kongresses in München. Es besteht aus dem innenseitigen (medialen) Bereich, aus dem außenseitigen (lateralen) Bereich und dem Bereich hinter der Kniescheibe (patellofemorales Kompartiment). „Wir sehen relativ klar in den aktuellen Studien, dass bei 30 bis 50 Prozent der Patienten nur ein Gelenkteil betroffen ist und die anderen Gelenkteile in Ordnung sind“, sagte er.
Meistens sei der Knorpel an der Innenseite des Knies verschlissen. Entsprechend müsse nur dieser Gelenkteil ausgetauscht werden. „In diesem Zusammenhang ist weniger Chirurgie einfach mehr für den Patienten“, sagte Prof. Merle. Denn wenn nur das mediale Kompartiment an der Innenseite des Knies ausgetauscht werden muss, können wichtige Bandstrukturen, wie etwa das vordere Kreuzband, erhalten werden. Dies wiederum führt zu einem sichereren Gang für den Patienten nach der Operation. Da es sich um eine kleinere, weniger invasive Operation handelt, sinke außerdem das Risiko für Komplikationen wie Wundheilungsstörungen, Infektionen oder Thrombosen im Vergleich zum vollständigen Gelenkersatz.
Totalendoprothese wird am häufigsten eingesetzt
Merle schätzt, dass in Deutschland nur circa 15 Prozent der Menschen mit Kniearthrose eine Teilprothese erhalten. Den meisten Menschen mit Kniearthrose wird eine Totalendoprothese eingesetzt. Wie passt das mit der Aussage zusammen, dass ein Teilgelenkersatz bei 30 bis 50 Prozent der Patienten möglich wäre? „Erstens liegt das daran, dass viele Kliniken den Teilgelenkersatz gar nicht als Alternative anbieten, weil eben nur ein Operationsverfahren in der Klinik etabliert ist“, erklärt Merle. Dieses eingeschränkte Behandlungsangebot sei auch damit zu erklären, dass viele Ärztinnen und Ärzte nicht entsprechend ausgebildet sind. „Wir müssen es schaffen, die Ausbildung für junge Kolleginnen und Kollegen dahingehend zu verbessern, dass der Teilgelenkersatz eine wahrgenommene und auch für den Patienten aktiv angebotene Alternative wird“, sagte er.
Patienten, die an der Implantation einer Teilprothese interessiert sind, empfiehlt er den Besuch einer Klinik, in der Ärzte überdurchschnittlich viele Teilprothesen implantieren. „Kliniken, die über 100 Teilgelenke pro Jahr ersetzen, haben nur ein Drittel der Wechselraten nach acht Jahren im Vergleich zu Kliniken, die unter 30 Teilgelenke machen“, sagte er. Für Kassenpatienten würde hier kein Nachteil entstehen, weil die Teilgelenkprothesen, ebenso wie die Totalendoprothesen, von der Krankenkassen erstattet werden.
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Aussage zu Wechselraten bei Teilprothesen
Prof. Merle ist Chefarzt am Endoprothetikzentrum III des Diakonie Klinikums Stuttgart. Hier werden jährlich so viele Teilprothesen an der Innenseite des Knies implantiert wie nirgendwo sonst in Deutschland (1.484 im Jahr 2024). Man könnte ihm bei seiner Argumentation für die Teilprothese also den Blick durch die eigene Klinikbrille vorwerfen. Beispielsweise wurde in der Vergangenheit oft kritisiert, dass die Komplikationsraten bei Teilprothesen höher sind. Dies ist für manche ärztlichen Kollegen der Grund dafür, sie nicht zu implantieren. Allerdings zeigt der letzte Jahresbericht des Endoprothesenregisters Deutschland (EPRD), dass sich die Komplikationsraten von Totalendoprothesen und Teilprothesen annähern, zumindest wenn sie in großen Endoprothetikzentren eingesetzt werden. Insofern ist Merles Aussage – Teilprothese ja, aber nur in großen Zentren – nachvollziehbar.
Auszug aus dem Jahresbericht 2025 des Endoprothesenregisters Deutschland (Seite 130, 131 und 134)
| Versorgungsart | Komplikationsrate 1 | Komplikationsrate 2 |
|---|---|---|
| Totalendoprothese | 4,8 % (bei weniger als 200 Operationen im Jahr) | 3,9 % (bei mehr als 500 Operationen im Jahr) |
| Teilgelenkersatz | 9,5 % (bei weniger als 30 Operationen im Jahr) | 5,3 % (bei mehr als 100 Operationen im Jahr) |
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