Prof. Dr. Kümmel ist Direktor des Brustzentrums der Kliniken Essen-Mitte. ©Eventfotograf.in, Essen

Auch komplizierte Brustkrebserkrankungen können heute dank moderner Therapien erfolgreich behandelt werden, sagt Prof. Dr. Kümmel. Er muss es wissen, denn er leitet das Brustzentrum der Kliniken Essen-Mitte, eines der größten Brustzentren Deutschlands.

Klinik Kompass: Herr Prof. Dr. Kümmel, diese Frage stellt sich jedes Jahr rund 70.000 Frauen, die neu erkranken: Kann Brustkrebs geheilt werden?

Prof. Dr. Kümmel: Abhängig von der Tumorbiologie haben wir Überlebensraten zwischen 70 und 98 Prozent. Es gibt Hochrisikofälle, da ist die Prognose schlechter, aber es gibt auch weniger aggressive Krankheitsverläufe. Wir haben schon Frauen behandelt, die trotz eines Lymphknotenbefalls keine Chemo brauchten. Selbst diese Gruppe kann bis zu 96 Prozent die Erkrankung überleben. Weiter gibt es Patientinnen mit einem hohen Lymphknotenbefall und einer Hochrisikobiologie. Bei dieser Konstellation überleben leider nur 70 Prozent der Betroffenen. Summa Summarum wirken beim Mammakarzinom aber Tumortypen, die von den meisten Patientinnen dauerhaft besiegt werden können.

Klinik Kompass: Im Brustzentrum der Kliniken Essen-Mitte arbeiten 12 spezialisierte Ärzte und 27 Pflegekräfte bei rund 2.200 stationären Fällen. Die Patientenzufriedenheit ist hoch. Würden Sie sagen, bei onkologischen Fachkliniken ist das Mischungsverhältnis 1 Facharzt und 2 Betreuungskräften optimal? 

Prof. Dr. Kümmel: Wir verfolgen bei uns folgende Philosophie: Was entlastet Ärzte und was entlastet den Pflegebereich, damit Medizin und Pflege sich möglichst ausschließlich um die Patientin kümmern können? Dazu haben wir zusätzliches Personal eingestellt. Zum Beispiel teilen bei uns die Schwestern kein Essen mehr aus, das machen Servicekräfte. Dann haben wir Angestellte, die administrative Aufgaben übernehmen. Wir haben allein vier Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nur Tumorkonferenzen vorbereiten, hierum kümmern sich in anderen Häusern Ärzte neben all ihren Aufgaben. In der Ambulanz haben wir Schwestern, die sich für die Wundpflege zu sog. „Wundexpertinnen“ fortgebildet haben. Damit entlasten sie Ärzte nach chirurgischen Eingriffen und können auch Beratungsgespräche mit Patientinnen führen.

Klinik Kompass: Eine konstruktive Fehlerkultur ist ein entscheidender Faktor für die Mitarbeiterzufriedenheit und hat ebenso einen erheblichen Einfluss auf die Entwicklung der gesamten Abteilung. Gerade bei einer hohen Zahl an Operationen, wie sie am Essener Brustzentrum durchgeführt wird, kann es mit der Aufarbeitung von Fehlern zeitlich schwierig werden. Welches Fehlermanagement nutzen Sie bei Ihrer täglichen Arbeit?

Prof. Dr. Kümmel: Fehler passieren leider überall. Wir arbeiten Fehler durch verschiedene Maßnahmen auf. Wir haben zum Beispiel eine monatliche Sitzung, in der alle medizinischen Mitarbeiter zusammenkommen, vom Physiotherapeuten bis hin zum Chefarzt. In dieser Sitzung kann sich jeder äußern und wir arbeiten gemeinsam an Lösungen. Es gibt zum Beispiel auch die Rubrik: „Lob und Tadel“, hier werden Patientenbewertungen, aber auch Kritik von ambulanten Fachkollegen vorgetragen. Grundsätzlich beraten wir nicht defizitorientiert. Wir fragen uns immer, wie wir einer geäußerten Kritik konstruktiv begegnen können. Manchmal passiert das durch eine Veränderung der Organisation, der Kommunikation, zuweilen geht es auch um Fragen des Wissensmanagements, der Information oder der Weiter-Qualifikation. Durch solche Maßnahmen wird nicht nur die Qualität, sondern auch der Teamspirit viel besser, weil die Zugehörigkeit gestärkt wird.

Klinik Kompass: Können Sie die Behandlung einer Brustkrebspatientin schildern, die Ihnen in bleibender Erinnerung geblieben ist?

Prof. Dr. Kümmel: Das Schönste für uns ist, durch viele Studien inzwischen so viele neue Medikamente entwickelt zu haben, dass wir viele Patientinnen bereits vor der Operation mit einer passenden Systemtherapie behandeln können. Dadurch ist die Rate der Patientinnen, bei denen schon vor der Operation keine Tumorzelle mehr nachgewiesen werden kann, sprunghaft angestiegen. Das ist für die Patientin von unschätzbarem Wert und für uns alle ein großartiger Erfolg.

Bevor Prof. Dr. med. Sherko Kümmel Direktor der Klinik für Senologie/Brustzentrum Kliniken Essen-Mitte wurde, arbeitete er als Oberarzt an der Universitätsfrauenklinik der Charité und der Universitätsfrauenklinik Essen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Operative Gynäkologie und die Gynäkologische Onkologie, eine besondere Aufmerksamkeit widmet er der Behandlung von Brustkrebs.